Motivation und Vorbilder in MINT-Berufen

Es ist bereits über zwei Monate her, als ich auf einen Blogeintrag reagierte, in dem es darum ging, warum es so wenig Frauen in der Theoretischen Physik gibt, und wie man mehr dazu motivieren könnte.
Ich fragte nach der Sinnhaftigkeit der Erhöhung des Frauenanteils, bekam eine Antwort, auf die ich wieder ausführlich einging.
Darauf bekam ich keine weitere Erwiderung mehr, obwohl ich noch länger darauf wartete. Zwischenzeitlich war ich anderweitig eingespannt, so dass mir die Zeit fehlte, das Thema zu behandeln. Das hole ich jetzt nach.
Der Einfachheit halber wiederhole ich hier einfach meinen letzten Kommentar, wenn auch etwas gekürzt.
Statt „Theoretischer Physik“ kann man sich eigentlich auch jeden anderen Beruf denken, der nicht den primären Interessen der (zu motivierenden) Personen entspricht.

Warum war es [Vorbildfunktion] bei Männern anders?

Das war es doch gar nicht. Auch bei Männern musste immer erst einer den Anfang machen. Oft war dies mit großen Risiken verbunden, und die meisten dürften gescheitert sein.
Im Rückblick sieht man freilich nur noch die Erfolge, und nicht mehr die (oft vergeblichen) Mühen, Widerstände, Hindernisse und Irrwege.

[..]

denn wenn es uns nicht als Möglichkeit erscheint, dass wir uns für theoretische Physik interessieren, dann werden wir das vermutlich auch nicht.

Das hätte man als Argument durchgehen lassen können, wenn es heutzutage nicht moderne Medien, insbesondere das Internet, gäbe.
Dadurch hat jeder Mensch die Möglichkeit, sich nahezu beliebig ausführlich und detailliert über jedes gewünschte Thema zu informieren. Freilich braucht es dazu eine gewisse Eigeninitiative. Aber die sollte man tatsächlich bei Menschen mit einer gewissen Affinität zu Naturwissenschaften voraussetzen.

[..]
Wir sollten uns darauf fokussieren, interessierten Menschen – unabhängig vom Geschlecht – alle Chancen zu bieten, einen Beruf ihrer Wahl zu ergreifen, den sie dauerhaft erfolgreich und zufrieden ausüben können.
Ich halte es für abträglich, durch Aktionen wie etwa den Girls‘ Day zu versuchen, gezielt Mädchen für MINT-Berufe anzuwerben (während hochinteressierte Jungen ausgeschlossen werden). Das altertümliche Frauenbild dahinter traut doch offenbar den Mädchen nicht zu, von sich aus einen geeigneten Beruf zu finden, der zu ihnen passt, den sie gerne und sachkundig ausüben.
Nicht umsonst halten sich die „Erfolge“ des Girls‘ Days auch in sehr überschaubaren Grenzen. Nur wenige Mädchen entscheiden sich daraufhin für einen entsprechenden Beruf. Ein nicht unerheblicher Teil bricht die Ausbildung oder das Studium wieder ab, weil entweder doch die Fähigkeiten fehlen, oder die jungen Frauen einsehen müssen, dass sie sich dort doch nicht wohlfühlen. Diesen Fehlschlag hätte man ihnen ersparen können.

Die Theoretische Physik profitiert von jedem Menschen, der sich kompetent und engagiert für neue Modelle und kreative Lösungen einsetzt. Das ist nicht an das Geschlecht gebunden. Geeignete Frauen haben die gleichen Möglichkeiten wie geeignete Männer, diesen Weg einzuschlagen. Aber sie müssen es selbst wollen, und sollten nicht von anderen in diese Richtung gedrängt werden.

Im Beitragtext argumentierte die Autorin sinngemäß, dass der Frauenanteil in einem Beruf davon abhängt, wie viele Frauen bereits vorher in diesem Beruf tätig sind, da sie sie als Vorbilder sehen.
Als Gegenbeispiel möchte ich die Informatik nennen. Ursprünglich war Programmierung eine typische Frauentätigkeit. Programmierung war damals aber nicht das, was wir heute unter Softwareentwicklung verstehen. Stattdessen ging es im Wesentlichen darum, Daten einzugeben. (Übrigens war Margret Hamilton eine Pionierin des Software Engineerings.) Es gab also Frauen, die als Vorbild hätten dienen können. Trotzdem ging der Anteil der Frauen in der Informatik zurück, als Programmierung komplexer und anspruchsvoller wurde.

Man sollte auch den abschreckenden Effekt nicht unterschätzen, wenn als unpassend oder gar unsympathisch wahrgenommene Menschen als Vorbild propagiert werden.
Warum wohl hat es keinen Anstieg der Zahl der Physikstudentinnen gegeben, als wir eine Physikerin als Bundeskanzlerin hatten?
Die Physiklehrerin, die ich in der Schule hatte, war meiner Berufsentscheidung keinesfalls förderlich.
Die wissenschaftlichen Verdienste von Emmy Noether sind unstrittig, optisch aber ist sie keine Person, der man (als junges Mädchen) nacheifern möchte.
Ich kann mir sogar vorstellen, dass Sheldon Cooper manchen Jungen von der Theoretischen Physik abschrecken könnte, wenn dieser nicht von vornherein das passende Nerd-Mindset hat. Um diese ist es dann auch nicht schade.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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18 Antworten zu Motivation und Vorbilder in MINT-Berufen

  1. Plietsche Jung schreibt:

    Jede und jeder sollen Mint Studiengänge angehen, wenn sie das Können und die Leidenschaft haben. Die Unis sieben in den ersten Semestern eh die faulen Eier ohne Berücksichtigung des Geschlechts aus.
    Meine Erfahrungen zeigen, dass 70% der Starter eh scheitern, weil ihnen die Fähigkeiten und das Durchhaltevermögen fehlen.

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    • idgie13 schreibt:

      Das ist ja auch gut so, dass sie die aussortieren – ohne Frustrationstoleranz ist man in dem Beruf eh verloren.

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    • Wenn mehr ungeeignete Personen ein Studium anfangen, so fehlen die von ihnen benötigten Resourcen (z.B. Praktikumsplätze) anderen.
      Studienplätze kosten der Allgemeinheit Geld, das möglichst nicht für Ungeeignete verschwendet werden sollte.
      Auch für die Abbrecher ist es ein Zeitverlust und ein Scheitern.
      Deshalb halte ich es für wichtig, dass eine plausible Aussicht besteht, ein Studium erfolgreich abschließen zu können (und später dann auch den Beruf zufrieden auszuüben), bevor man sich irgendwo hineinstürzt, wo man nicht hinpasst.

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      • Plietsche Jung schreibt:

        Das ist leider konträr zur linksgrünen Anti-Leistungsgesellschaft. Jeder darf alles und kommt damit durch, selbst wenn man das Niveau senken muss. Selbstredend darf jeder so oft er mag, studieren und zwar kostenlos. Eine Kompensation für die zahlende Gesellschaft ist nicht vorgesehen. Im Gegenteil : Die Zeit soll nun noch finanziell gefördert werden. Bildung wird zur Ramschware und Abschlüsse zum Zertifikatshandel.

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  2. idgie13 schreibt:

    Das Argument mit den Vorbildern habe ich nie verstanden.
    Wenn mich ein Gebiet nicht interessiert, helfen die tollsten Vorbilder nichts.
    Wenn man in MINT-Fächern eines braucht, dann intrinsische Motivation, Interesse und Frustrationstoleranz.

    Gefällt 3 Personen

  3. Peter Müller schreibt:

    „Ich kann mir sogar vorstellen, dass Sheldon Cooper manchen Jungen von der Theoretischen Physik abschrecken könnte“

    Also ich kann mir das nicht vorstellen. Bei Jungs ist die Denke bei einem Personenbezug üblicherweise nicht „möchte sein wie“ sondern „möchte besser sein als“. Insofern wäre Sheldon Cooper eher Motivation denn Abschreckung.

    Aber ein derartiger Personenbezug selber ist schon ungewöhnlich, die Faszination liegt in der Sache bzw. der Handlung.

    Gefällt 2 Personen

    • Das Beispiel sollte den Personenbezug eben etwas ad absurdum führen.
      Wer davon ausgeht, das Vorbilder den Ausschlag für die berufliche Ausrichtung geben, muss auch eingestehen, dass dies auch in die gegenteilige Richtung wirken kann.

      Und wenn Sheldon keine Jungen abschreckt, tut er das vielleicht bei Mädchen.
      Wäre interessant, wie Elizabeth Plimpton auf sie wirkt.

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  4. luisman schreibt:

    Ich verstehe die Argumentation nicht ganz. Selbst auf den ‚altsprachlichen‘ Gymnasien (gibt’s die noch?) wird man in der Schulzeit mit den Naturwissenschaften (Mathe, Physik, Chemie, Biologie) konfrontiert, und es gibt relativ viele Schueler, denen das schwer faellt. Das liegt z.T. an der Genetik, viel am Elternhaus und auch an der „ausufernden Begeisterung“ mit der die Lehrer den Stoff durchpauken. Zum einen ist das kaum mehr aufzuholen, zum anderen haben die meisten Jugendlichen eher Musiker, Schauspieler, Fussballer, usw. als Vorbilder, nicht Wissenschaftler.

    Der Kaese ist doch schon gegessen, wenn man sich mit 18/19 fuer/gegen ein Studium entscheidet, und welches Fach man belegt. Wer mit Deutsch und Geschichte Abi gemacht hat, der wird sich wohl eher nicht fuer ein Physikstudium entscheiden, mit oder ohne Girls Day, selbst wenn Elon Musk den persoenlich durchfuehren wuerde. Und Musk haette sicher mehr Wirkung auf junge Frauen, als eine 50-jaehrige, die Leiterin Qualitaetssicherung bei z.B. VW ist.

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    • Während der Schulzeit hat man viel Gelegenheit und Zeit, sich über in Frage kommende Berufe zu informieren, und sich darüber klar zu werden, welcher Beruf etwas für einen ist. Das kann sich später immer noch als Fehlentscheidung herausstellen, aber grundsätzlich besteht ein weites Informationsangebot, das normalerweise ausreichen sollte.

      MINT-ler orientieren sich tendenziell kaum an anderen Menschen, brauchen deshalb auch keine Vorbilder.
      Einen Mangel an Vorbildern kann man aber auch als Chance sehen, selbst Erster zu sein.

      Gefällt 2 Personen

    • Plietsche Jung schreibt:

      Tja, Schule soll auf das Leben vorbereiten. War wohl nix. Statt ein Gedicht in 4 Sprachen vorzutragen, weiß niemand, welche Versicherungen wichtig sind und wie ein Unternehmen aufgebaut ist. Die Angebote, Berufe kennenzulernen, sind verkümmert oder werden ignoriert. Solange junge Menschen als Berufswunsch Influenzer oder „irgendwas mit Medien“ werden wollen, hat die Aufklärung in den Schulen versagt.
      Meine Klassenlehrerin war ne rote SPD Tante, ihr Unterricht in Deutsch, Politik, Geschichte der letzte Rotz. Mich haben zwei andere Lehrer geprägt, einer in den Fächern Mathe und Physik, der andere in Chemie. Unpolitisch, sachlich klar, logisch nachvollziehbar und mit klarer Erwartungshaltung. Ein Nerd war ich nicht, wenn auch kein Mainstream Schüler, aber das war mit schon immer Latz. Prüfungsvorbereitung brauchte ich selten, weil ich durch viel Nachhilfe für andere immer fachlich fit genug war.

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  5. Pingback: Warum bisherige Frauenförderung nicht funktioniert | uepsilonniks

  6. Meiner Meinung nach sollte man immer beachten, dass Beruf auch irgendwie von Berufung kommt.

    Wenn man an einer Tätigkeit kein eigenes Interesse hat wird man nie wirklich gut sein.
    Wenn ich einen Beruf nur von der monetären, oder Prestigeseite ergreife werde ich nie an die Spitze kommen.

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